Auf geht’s ins neues Jahr!

Das letzte Jahr hat Spuren hinterlassen:

Das kontinuierliche Erstarken der AfD ist bedrohlich und es gibt kaum Bewegung dagegen. Die Welt gerät generell aus den Fugen und Menschen ertrinken im Meer oder verwahrlosen auf Inseln. Der rassistische und antisemitische Terroranschlag in Halle, die zahllosen Attacken auf Menschen und Unterkünfte und die unverständlichen Kürzungen bei den „Demokratie leben!“ Förderungen. Ernsthaft, was ist hier los?!

Das desaströse Einknicken der Öffentlich-Rechtlichen, die wegen ein paar Trolle den Umweltsau-Oma-Song gelöscht haben, krasse Stimmungsmache betreiben und durch ihre unendlich vielen schlechten Talk Runden Rassismus und „besorgte Bürger*innen“ verharmlosen und negieren. Und ganz ehrlich: ich glaube ich kann jetzt in der Reflexion gar nicht mehr sagen, was mich noch alles erschüttert hat, denn es war so viel los.

„Demokratie sterben!“ ist jetzt wohl angesagt… auf allen Ebenen.

Ich frage mich, wie es weiter gehen soll.

Verzweifle, weil sich auch in meinem persönlichen Nahfeld die Situation verschärft:

Freundinnen schweigen und ignorieren, wenn Rassismus in ihren Kreisen stattfindet. Ignorieren es so vehement, dass ich den Schmerz nicht aushalten konnte und gehen musste. Menschen aus meinem Umfeld lassen sich Preise verleihen und ignorieren die Tatsache, dass sie entweder auf einem Podium voller Rassist*innen sitzen oder noch schlimmer: sie posieren mit rassistischen Politiker*innen, die sich klar antimuslimisch rassistisch positionieren. Hauptsache das Geld für die Projekte fließt? Zu welchem Preis. Ein Dilemma.

Aber Hauptsache auf dem T-Shirt steht was mit „Feminismus“, „kein Mensch ist illegal“ oder „train hard, fight racism“ oder irgendein anderer neoliberaler und weißer Slogan…

Mein Nahfeld hat sich enorm gewandelt: Menschen gingen, die Energie gesaugt haben, mich ausgelaugt haben und nun sind Menschen da, die mich beflügeln, mich inspirieren und ich habe das Gefühl ich wachse. wir wachsen.

Ich sehe die Arbeit, die ich mache als meine Berufung an, dass müsste allen Menschen klar sein, die mich kennen und/oder schon mal mit mir zu tun hatten. Es ist nicht einfach „nur“ ein Beruf. Ich lebe es, ich liebe es, es gibt mir Energie, es nimmt mir Energie, ich gebe nicht auf, ich kämpfe.

Deswegen schaue ich auch zugleich zurück auf ein Jahr voller strahlender Momente. Ich schaue zurück auf ein Jahr voller wunderbarer Menschen, die ich kennengelernt habe in meinen Seminaren, Workshops oder Vorträgen. Das lässt mich weitermachen. weiterhoffen. weiterforschen.

Da sind zum Beispiel die Frauen*gruppen in Halle, die durch sehr schwere Zeiten gehen, viel Gewalt und Ablehnung erfahren. Meine Kollegin Žaklina und ich haben sie durch einige schwierige Zeiten hinweg begleitet. Haben Empowerment Räume geöffnet und gemeinsam gestaltet. Haben gemeinsam geweint und gelacht. Wurden gestärkt und haben gestärkt.

Da sind zum Beispiel die jungen Queers in Norddeutschland. Voller Vertrauen in mich und meine Arbeit und Tatendrang sind wir einen Prozess gestartet. Wie sich positionieren? Wie in den Widerstand gehen? Wie kommunizieren? Bündnisse stärken und sich selbst stärken.

Da sind zum Beispiel unendlich viele Lehrer*innen und Referendar*innen, Sozialarbeiter*innen, Erzieher*innen und Multiplikator*innen. Antimuslimischer Rassismus, Rassismus, Klassimus, Sexismus, und weitere -Ismen, Kolonialismus und Queer Theory usw. alles Themenfelder, die in unseren Biografien so wenig Raum hatten. Wieso eigentlich? Was würden Foucault oder Gramsci jetzt sagen?

Ich hole jetzt mal nicht aus. Aber das Feedback aus den vielen Gruppen war, dass endlich Platz war für andere Narrative, dass endlich mal eine andere Perspektive beleuchtet wurde. Wie bestärkend.

Da sind die vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, denen ich gemeinsam mit meinem Kollegen Mohammed begegnet bin. Empowerment ist in diesem Alter so unglaublich wichtig. Wir schauen gemeinsam auf unsere Elterngeneration und sehen wie sie mit diesen schmerzhaften und gewaltvollen Diskriminierungen umgegangen sind. Schauen uns an, welche Strategien wir internalisiert haben und analysieren ob das zu uns passt, justieren nach- in der Gemeinschaft. In Bündnissen. Wir begreifen, wie die Strukturen funktionieren und sehen welche Ausschlüsse getätigt werden. Strategien entwickeln, Frustration, Wut und Trauer haben aber ebenfalls Platz. United we stand. Gemeinsam sind wir stark.

Da sind die 3 Student*innen, die mir in sehr eindrücklichen Berichten ihre bisherigen Rassimuserfahrungen an der Hochschule skizzierten, ihre Freude mit mir teilten, dass ich die erste Lehrbeauftragte of Color bin, die sie unterrichtet, kritisch und reflexiv. Kommentare nicht ignoriert, sondern nachfragt, nachhakt. Ich stärke, bin Vorkämpferin, ihr stärkt mich mit eurer Solidarität. Ich bin dankbar.

Da ist das Team eines Frauen*hauses in Niedersachsen. So viele unterschiedliche Perspektiven, Positionen- wunderbare Frauen* und ein herausfordernder und inspirierender Prozess euch zu begleiten! Es ist mir ein Vergnügen. Ich wünsche euch viel Kraft eure Haltung und Positionen aufrecht zu erhalten. Jeden Montag stehe ich bei euch auf der Matte und lerne, lehre, übe und reflektiere mit euch gemeinsam.

Da ist eine ganz besondere Person, die mein Herz auf vielen Ebenen öffnet. Mit dir rege ich mich über Neuköllner Kommunalpolitiker*innen auf. Mit dir sitze ich im Publikum, während Ateş, Mansour, Kelek, Hikel oder xyz, antimuslimisch-rassistische Positionen von sich geben. Wir beobachten, dokumentieren und auf dem Heimweg reden wir über unsere Sorgen, Bauchschmerzen und unsere Auswanderungsideen. Ich bin glücklich dich in meinem beruflichen, aktivistischen und privaten Umfeld zu wissen. Du stärkst mich auf vielen Ebenen. Danke

Ich bin dankbar für so vieles und bin gespannt was die 20 für uns so bereit hält…

Veröffentlicht von Nastaran Tajeri

Berlinerin ~ Referentin in der politischen Bildung ~ Moderatorin

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