white silence is violence

Laura

 

PROLOG

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner langjährigen Kollegin und Freundin Anja.
Sie ist sytemische Therapeutin und die beste Sozialarbeiterin, die ich kenne.
Sie sagte, dass erfahrungsgemäß die Therapeut*innen, die sich „Zen“, „Namaste“, „Achtsamkeit“ und Klangschalen-Bla Bla ganz groß auf die Visitenkarten/Homepage/Stirn usw. schreiben im persönlichen Nahfeld mit Stühlen schmeissen und sich sensationell gehen lassen können. Irgendwie fand ich das sehr sympathisch und frage mich aber, wieso das so ist.
Wieso kann ich die Haltungen, die ich im Kontext von Rassismus und Diskriminierung in meinen Workshops vertrete, sie an der Hochschule lehre usw. nicht immer und überall in meinem persönlichen Feld vertreten? Wieso bin ich im persönlichen Feld so radikal?

Ich denke es liegt auf der Hand: ich habe verschiedene Rollen. Ich kann beides. Verstehe den Ober- und Unterbau, kenne die dunklen Winkel und auch die erhebenden Momente. Ich werfe mit Stühlen, kann aber Anderen alternative Handlungsmuster zeigen.

INTERMEZZO (meine Gedanken, Fragen und Gefühle der letzten Woche)

Seit einer Woche beschäftigt mich Kommunikation und der Umgang miteinander, wenn sich kritische Situationen im persönlichen Nahfeld ereignen.
white tears, whitesilence, white tone policy, classism …

die Liste lässt sich fortsetzen…

Auslöser war ein Kindergeburtstag.
Stellen wir uns vor:
Wimpeln, Ballons, Kuchen und Saft (Crémant für die Erwachsenen), Sonne, lachende Kinder, ausgelassene Stimmung und AfD-Willi*.

Als queere alleinstehende und kinderfreie PoC bin ich so oder so oft alleine in diesem Freund*innenkreis. Dieser besteht aus sehr vielen weißen Menschen, die aus Kreuzberg und Neukölln wegziehen, wegen der Bildung der Kinder, dem Lärm, dem Chaos, dem M41, dem Müll… oder dem Argument: Ich muss mal den Kopf lüften, alles neu usw.  Ok, wer es sich leisten kann… Auch hiermit finde ich irgendwie einen Umgang.

Aber die Tatsache, dass auch ein AfD Mitglied/Jurist im Bundesinnenministerium auf diesem Geburtstag eingeladen ist, versetzt mich in eine unendliche Traurigkeit, Wut und Verzweiflung.

Ich wurde erst die Nacht zuvor eigeladen:
Die eine Freundin fragte: hey, sehen wir uns Samstag auf dem Geburtstag von Kind X im Monbijou Park? Ich so: „ah, wusste nicht, dass sie feiern… morgen habe ich Bandproben, dann arbeiten und abends wieder arbeiten…“

Der AfD-Typ wusste bestimmt schon Wochen vorher Bescheid.

Wie dem auch sei, Hierarchisierung von Freundschaften, wie sich im weiteren Verlauf zeigen sollte.

Was genau sind die Beweggründe? Wieso wird der eingeladen? Genau das fragte ich schon ein Mal an Ostern vor einem Jahr.
Damals war die Antwort:

„Die Kinder mögen sich so gerne. Deswegen laden wir ihn ein.“
aha. Und, diskutiert ihr mit ihm über seine (antimuslimisch) rassistische Haltung dass er bei der AfD ist usw.?
„Naja, wie denn? Der dreht einem alles im Munde herum. das ist echt schwierig
Nun gut, es gibt ja Argumentations-Trainings…
„wir belassen es einfach dabei nichts politische mit ihm zu besprechen.“

Am gleichen Tag diskutierte der einzig politisierte Mensch in diesem Kreis (Danke dafür Thorsten*!) am Tisch mit ihm bezüglich seiner Aussage „Datenschutz-Taliban“, seinen kruden Ansichten über Demokratie, die EU usw. Er war fix und alle danach. Niemand stand ihm bei. Ich habe es nicht mitbekommen, weil ich mich immer demonstrativ in ein anderes Zimmer, in eine andere Sphäre beame, wenn der anwesend ist.

Wenn er ist nicht da ist, reden die Menschen über ihn und nennen ihn „AfD-Willi*“. Was sollen wir machen? Wie mit ihm umgehen? usw. Aber zum nächsten Geburtstag, zur nächsten Filmpremiere, zur nächsten Firmen-Weihnachtsfeier, zum nächsten Abendessen/Osteressen, oder was auch immer, steht er wieder da. Ganz offiziell eingeladen, bewegt sich völlig sicher und frei im Freund*innenkreis…
Auf seiner ultra schlechten Homepage als wannabe – Photograph (Alter, ernsthaft hör‘ einfach auf Photos zu machen! Die sind mega schlecht.), die er neben seinen rassistischen Dasein betreibt, sind die Bilder von der besagten Freundin prominent unter der Rubrik „FEMININE“ zu finden.

Sie strahlt in die Kamera. Hinter der Kamera steht AfD Willi. Sie strahlt AfD Willi an. Mir wird schlecht.

Meine Geduld/Toleranz oder was auch immer ich da anbringen muss: ist am Ende. Unsere Freund*innenschaft scheinbar auch.

Ich wache morgens auf, meine Stimme ist weg. Ich sage die Probe ab. Sehr spät, habe mega schlecht geschlafen, alle sind schon auf dem Weg zum Proberaum, meine Band ist sauer, der Schlagzeuger ist so sauer, dass er die Band verlässt. Ich habe Bauchschmerzen und weine. Abends gehe ich arbeiten, denn ich muss ja mein Geld verdienen- scheiß Prekariat!
Am nächsten Tag schreibe ich meine Bedenken und meine Ansichten dazu usw. auf, denn meine Stimme ist immer noch weg (auch symptomatisch, wenn ich Rassismus ganz nah in meinem Nahfeld habe), und was bekomme ich?

Person 1
versteht nicht, dass mir einfach die Worte fehlen, meine  Stimme weg ist, mein Hals geschwollen, dann auch noch klassistische Tone Policy:tone policy.jpg

 

 

 

Person 2
Klassische Abwehrposition: was? wieso greifst du mich an? Sie Opfer, ich die Böse. Verrückte Welt. Dann zur Krönung: Leb‘ wohl, für immer.

Das ging schnell… also nach gefühlt 4 Nachrichten. 

Ohne Titel.png

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie nun umgehen? Wie nun weiter gehen? Die Stimme ist längst wieder da. Aber mein Gefühl verstärkt sich immer mehr: ich werde mich verabschieden müssen. 
In meiner Praxis erlebe ich viel Schaden, viele Rassismus und andere -ismen.
In meinem persönlichen Umfeld kann und will ich das nicht aushalten müssen.
Ich bin immer diejenige, die behauptet: es gibt keine Safe-Spaces. Nirgendwo. Es ist eine Illusion zu glauben, dass es die gibt.

Aber hey, ein Mindestmaß an Anstand und Respekt erwarte ich von meinen weißen Freund*innen und das spiegelt sich in erster Linie darin, ob ich mit solchen AfD-Willies konfrontiert werde oder nicht.
Es liegt in eurer Hand, es ist eure Verantwortung, es ist euer Problem. Und euer Schweigen wird euch nichts nützen. Denn wer schweigt stimmt zu und wozu das führt, daran brauche ich nicht immer und ständig erinnern. Es ist eure Verantwortung.

EPILOG

Antwort an Person 1:
„Ich brauche erst mal Abstand um wieder zu heilen.
Das sind Themen, die ich in meinem privaten Umfeld nicht haben will.“

„healing“ im Empowerment Kontext bedeutet in der Community zu heilen. Wer meine Community ist, zeigt sich gerade sehr deutlich.
Danke dafür, ihr wundervollen Menschen, mit denen ich gerade sprechen kann; traurig und wütend sein darf; weinen und lachen darf. Danke

Antwort an Person 2:
Genau um „mich glücklich machen gehts“. Geht’s noch? Hast du gelesen was ich geschrieben habe? Aber gut so. Viel Spaß mit deinen Nazi Freunden, wenn dir die Kanakin zu anstrengend wird.“

Eine sehr harte Nachricht von mir. Verletzt, enttäuscht und allein gelassen. „Nazi Freunde“ ist nicht adäquat. Aber ehrlich gesagt hatte und habe ich keine Energie mich auch noch um sie zu kümmern.
Ich hoffe sehr, dass sie, ihr Freund und ihr Kind (beide zwar white-passing, aber auch mit einem vermeintlichen „Migrationshintergrund“ aus einem „muslimischen“ Land) gesund und munter durch die bevorstehenden „braunen“ Zeiten durchkommen.

Irgendwann, irgendwo, irgendwie werden wir uns wieder sehen.
Es ist nun die 2. Freund*innenschaft, die ich wegen der AfD beenden muss.
Ich hätte tatsächlich nicht gedacht, dass so etwas in diesem Land wieder passieren wird. Aber ich lerne nie aus.

*Namen geändert

Veröffentlicht von Nastaran Tajeri

Berlinerin ~ Referentin in der politischen Bildung ~ Moderatorin

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